DIE GIFTIGSTEN SÄTZE DER WELT

Folge 14: Irgendjemand zeig ich‘s -
Hauptsache laut!

Bei mir ist es das Ende der Lindauer Autobahn. Egal ob man jetzt links oder rechts um München herum möchte, irgendwann wird es eine Fahrspur. Und das kann im Berufsverkehr auch mal ein bisschen… eher noch ein bisschen länger dauern.

Und da ich in dieser Serie gerne mit Klischees arbeite (ohne zu behaupten dass es immer so ist) gibt es eine Reihe von tiefer gelegten oder höher gestellten Autos, vorzugsweise mit einem Starnberger Kennzeichen, die das natürlich System des Einfädelns neu interpretieren.

Ich fahre also leise summend auf die Stelle zu, an der aus zwei Fahrbahnen eine wird, habe mir schon genau ausgerechnet, zwischen welchen zwei Fahrzeugen ich einfädeln werde, wenn der Reißverschluss perfekt funktioniert …

… da schießt ein Porsche mit weiblichem Fahrer nebst einem für den vorderen Sitz noch viel zu jungen Kind an der linken Seite vorbei und schiebt sich mit Gewalt in die Reihe. Meine Bitte, der Kollege im Geiste vor mir möge ihr das Einfädeln verwehren, wir nicht erhört, und der Porsche schiebt sich deutlich vor mir Richtung Luise-Kisselbach-Platz. Zum Hupen ist es zu spät (mein Vordermann würde erschrecken und nicht wissen, warum ich hupe), aber jetzt muss ich doch zumindest meinem Lenkrad noch etwas erklären und sage: „Was glaubt die denn, wer sie ist?“

Ich gehe zu hundert Prozent davon aus, dass man solches Verhalten nicht gutheißen kann. Auch Sie nicht, die das hier gerade lesen! Ich bin hundert Prozent im Recht, kriege das Recht aber nicht, und das ist eindeutig empörend, sogar sehr. 

Am liebsten sagen wir solche Sätze nicht zu dem Verursacher unseres Ärgers, sondern zu anderen. „Was für eine blöde Kuh?“ „So ein rücksichtloser Idiot!“ „Wie kann man nur!“

Ist es denn nicht richtig, sich an dieser Stelle zu ärgern? Es besteht doch kein Zweifel darüber, dass man im Recht ist? Nein, diese Sätze sind hochgradig giftig. Denn sie vergiften nicht die Umgebung, sondern ausnahmsweise vergiften wir uns mal selbst.

Wir sagen diese Sätze nämlich nicht nur unserem Lenkrad oder Stofftier oder irgendwelchen stummen oder lebendigen Zeugen, sondern wir sagen sie vor allem uns selbst. Und damit machen wir uns wütend, möglicherweise noch wütender und wenn wir weitermachen noch viel wütender.

"Es ist doch nicht zu fassen, in welche Firma ich hier arbeite!“ „Habe ich es denn nur mit Idioten zu tun?"

Was ist die Konsequenz? Die Zusammenarbeit mit diesen „Idioten“ wird jetzt deutlich schwieriger. Die alte Empfehlung, es sei besser die Wut rauszulassen, bevor sie sich staut, gehört nun endgültig auf die Müllhalde der falschen Tipps. Wut rauslassen hat nur einen Effekt: man wird wütender. (über Wut zu sprechen, ist etwas anderes!)

Was sollen wir also tun? Es gibt ein chinesisches Sprichwort, das sagt: „Wenn du in einem Augenblick des Zorns geduldig bist, ersparst Du dir hundert leidvolle Tage.“

Wenn wir uns erfolgreicher machen wollen, arbeiten viele von uns mit positiven Glaubenssätzen. Dasselbe würde auch hier funktionieren. Ich könnte einfach annehmen, dass das Kind in dem Porsche gleich eine Stunde bei der strengsten Lehrerin der Welt hätte und die Mutter ihr Leben daran setzt, keine Minute zu spät zu kommen, damit das Kind keine Strafarbeit bekommt. Wenn wir diese Information hätten, würden wir für sie einfach die Straße absperren!

Geben wir uns die Information doch einfach, ohne sie zu haben. Nehmen wir einen guten Grund für das Fehlerverhalten an. Ein Busfahrer, der vermutet, dass ein Fahrgast sich nur deswegen falsch verhält, weil er krank ist oder eine schlechte Diagnose bekommen hat, ist umgänglicher. Vielleicht sind die Kinder des Idioten krank oder die unfähige Kollegin hat vergessen, ihre Tabletten einzunehmen.

Wenn wir von anderen erst mal das Beste annehmen, wenn wir davon ausgehen, dass die anderen nicht einfach so sind, sondern, dass es konkrete Gründe gibt, gehen wir besser mit der Welt um. Vor allem mit uns selbst. Und unsere eigene Welt ist dadurch ein klein wenig besser geworden.