DIE GIFTIGSTEN SÄTZE DER WELT

Folge 1: Von der Lust am Nachtreten


Das Telefon klingelt am späten Nachmittag. Die Nummer ist unterdrückt. Die Dame im Call-Center einer Telefongesellschaft möchte, dass ich meinen Telekommunikationsanbieter wechsle. Ich bin sehr kurz angebunden, ja vielleicht sogar regelrecht unhöflich. Ich hasse diese Überfälle am Telefon, zumal sie auch noch verboten sind. Wie jemand auf die Idee kommt, so neue Kunden zu gewinnen, ist mir völlig schleierhaft. Also bin ich ganz entgegen zu meinem sonstigen Verhalten sehr unwirsch, ägerlich, laut. Aber ich habe nicht aufgelegt. Und die Dame am anderen Ende war nett. Die war sehr nett. Nicht das übliche Verkäufer-BlaBla (Spreche ich mit Herrn Rossi?), sondern wir haben eine nette kleine Unterhaltung. Nachdem ich zweimal gelacht habe, fragt sie mich, ob sie mir mal ein Angebot schicken dürfe. Ich sage ihr zu, mir das mal anzusehen. Ich bin schon dabei aufzulegen, da kommt der Satz: War das jetzt so schlimm mir zuzuhören?

Sie ahnen, wie die Geschichte ausgeht. Als die Unterlagen per Post kommen, fliegen sie in den Papierkorb, ohne dass ich den Umschlag auch nur aufgemacht hätte. Was denkt die sich! Mich vorzuführen. Ich bin der Kunde! Ich bin der Entscheider. Die kann mich mal!

Davon abgesehen, dass diese Dame am Telefon einen Beruf ausübt, der eigentlich verboten ist, können wir schon einen Moment Mitleid mit ihr haben. Da hat sich so viel Frust angehäuft über die vielen unfreundlichen Menschen, die nun mal nicht angerufen werden wollen, dass sie jetzt mal sagen musste, wie ungerecht das ist. Und dafür sucht sie sich den ersten freundlichen Menschen seit langem aus, und das war ich. Es hätte nichts gekostet, das runterzuschlucken und es ist nichts gewonnen, es mir zu sagen, dass ich am Anfang ruhig ein bisschen freundlicher hätte sein können. Aber da ist noch eine Rechnung offen, da ist noch etwas im Ungleichgewicht, und sie wollte nur zu gerne das Gleichgewicht wieder herstellen.

Auch im Privatleben haben wir in solchen Situationen immer wieder die Hoffnung, der andere wird doch jetzt, nachdem er sich beruhigt hat, einsehen, dass er falsch lag und wir in jeder Beziehung Recht hatten. Aber das tut er nicht. So viel Einsicht ist zu viel verlangt.

Es kommt von diesem Satz eine Menge Variationen: Na siehst du, geht doch! oder Das habe ich doch gleich gesagt! oder Lohnt sich doch, mir zu glauben, oder? Immer geht es darum, wenn alles schon zu Ende ist, nochmal einen Punkt zu machen. Man ist sich einig, das Problem ist geklärt, beide wissen, was zu tun ist. Aber obwohl das Gespräch gut ausgegangen ist und man sich durchgesetzt hat oder der andere offene ist für die eigenen Ideen, es ist dieser kleine Stachel, der piekt und laut schreit.

Wir alle sind fest davon überzeugt, dass unsere persönliche Befindlichkeit in der täglichen Kommunikation eine sehr geringe Rolle steht. Es geht uns nur um das Problem. Aber das ist falsch. Wir haben sehr feine Antennen dafür, wenn wir glauben, ungerecht behandelt worden zu sein. Paradoxerweise sehen wir vielleicht ein, dass der Andere Recht hat, aber er darf uns bitte nicht vorwerfen, dass wir das so spät gemerkt haben. Dabei wissen wir doch aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie schwer es ist, die  Meinung zu wechseln, etwas einzusehen, das Gegenteil gut zu finden, von dem, was man gedacht oder geglaubt hat. Aber es tut eben weh, im Recht zu sein und sich dumm anreden zu lassen oder beschimpft zu werden.

Widerstehen Sie der Versuchung, zurückzuschlagen. Was wollen Sie denn damit erreichen? Am besten wäre es, eine Erwiderung herunterzuschlucken, nicht darauf einzugehen, tief durchzuatmen. Und nur, wenn Sie das gar nicht hinbekommen, wenn Sie so verletzt sind, dass Sie gar nicht anders können, dann könnten ‚Sie jetzt sagen: Muss der Satz jetzt sein? oder Warum sagst Du das jetzt? oder Fängst du jetzt wieder an! aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dann alles von vorne losgeht.

Wenn das so ist, dann sollten Sie eines auf keinen Fall: Sich einreden, dass es Ihnen ja nur um die Sache geht. Nein, wenn Sie so einen Satz sagen, geht es ums Rechthaben, ums Besserwissen, ums Nicht-einstecken-können. Das ist sehr sympathisch, weil wir dieses Gefühl alle gut kennen und es Ihnen gut nachfühlen können aber die Welt wird dadurch kein bisschen friedlicher.