DIE GIFTIGSTEN SÄTZE DER WELT

Folge 2: Gut gemeint ist auch ganz schlecht – verdächtig, verdächtig!

Es war ein Lehrbuch für Führungskräfte, wie die am besten mit ihren Mitarbeitern kommunizieren sollten. Da waren viele gute Tipps drin, wie man beraten sollte, wie man überzeugt und wie man Feedback gibt. Und da ja nun jeder weiß, dass man ein Feedback nicht mit dem Vorschlaghammer gibt (obwohl es trotzdem noch in vielen Unternehmen so verabreicht wird), waren gleich ein paar Formulierungen mitgeliefert, die man sich sozusagen zur direkten Anwendung einfach merken musste. Wenn also der Mitarbeiter wiederholt während wichtiger Meetings eingeschlafen ist, könnten Sie ihn doch so darauf ansprechen: "Herr Müde, mir ist aufgefallen…, dass Sie gestern beim Meeting eingeschlafen sind." Einfach, oder? Ein leicht verdaulicher Satz, kein Gift zu erkennen, oder? Doch, der ist sogar sehr giftig...

Denn, da merkt man gleich die gute Absicht. Da macht einer, was im Lehrbuch steht, da versucht jemand alles richtig zu machen. Herr Müde bemerkt die gute Absicht auch, interpretiert sie ein wenig anders und entdeckt das Gift. Warum muss man mit ihm so vorsichtig sprechen? Ist er aufbrausend, wenn man schwierige Dinge mit ihm bespricht? Muss man Angst vor ihm haben? Ist es so schwierig mit ihm, dass man sich nur schrittweise herantasten darf?
Es kann Ihnen auffallen, dass dieses Jahr die Bäume deutlich früher grün werden als im letzten Jahr, oder dass es immer mehr Elektroautos gibt. Aber dass es Ihnen auffällt, dass jemand schläft, ist schon sehr, na ja, sagen wir mal therapeutisch. Stellen Sie sich vor, sie sagten zu Hause "Schatz, mir ist aufgefallen, dass es gestern Schweinebraten gab!" oder "Sohn, ich habe bemerkt, dass Du eine schwarze Jeans trägst" oder "Mama, mir fällt auf, dass Du Dich ärgerst." Möglicherweise wird das die Situation nicht vereinfachen, sondern verschärfen.
Nun wäre das ja nicht schlimm, wenn jemand etwas sehr vorsichtig formuliert, obwohl es eine Tatsache ist. Aber es drängt sich natürlich sofort die Frage auf, warum er oder sie das tut. Das kann ja eigentlich nur damit zu tun haben, dass der Sprecher glaubt, er müsse aus Rücksicht auf den Empfänger so formulieren. Das wird die meisten Empfänger von Feedback wundern oder irritieren und im schlimmsten Fall aufregen.
Die Kunst ist es ja gerade in einer solchen Situation, die vielleicht ein wenig Fingerspitzengefühl verlangt, den anderen gerade nicht merken zu lassen, dass es eine Situation ist, in der ein bisschen Fingerspitzengefühl verlangt wird. Ich kann das offen ansprechen: "Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen…", aber wenn man das versteckt tut, wendet man einen Trick an, und der ist fast allen Menschen, die ihn bemerken, verdächtig.
Auch von diesem Satz gibt es eine Menge Variationen: "Ich habe beobachtet, dass Sie zu spät kommen. oder Ich habe bemerkt, dass Sie sehr viele Folien haben", oder einer meiner Lieblingssätze: "Mir ist zu Ohren gekommen, dass…" Wer das im Privatleben sagt, war gerade in einem schlechten Seminar für wertschätzende Kommunikation. (Lediglich wenn Sie von einem Gerücht gehört haben, wäre so ein Satz ein bisschen gestelzt, aber möglich.)
Außerdem ist es ja gar nicht das, was man sagen will. Man will nicht über die Möglichkeit sprechen, bei einer Sitzung ein Nickerchen zu machen. Nein, man spricht das Thema an, weil man sich geärgert hat, sich wundert oder kein Verständnis hat. Dass es mir aufgefallen ist, ist deutlich zu wenig. Der andere nimmt das Gefälle wahr. Der Sprecher hat sich ausbilden oder beraten lassen, wie man schwierigen Zielpersonen etwas näherbringt. Da hat einer aus dem Überbringen des Feedbacks ein Projekt gemacht und versucht jetzt, nur ja nichts falsch zu machen.
Gerade für Manager finden wir in vielen Büchern solche Papiersätze, die in der Theorie funktionieren, aber in der Praxis derart von der Suche nach den richtigen Worten erzählen, dass damit Vorsicht geboten ist.
Dabei wäre es doch so einfach. Sie müssen nicht einmal eine Frage stellen: "Herr Müde, Sie sind gestern während des Meetings eingeschlafen!" Jetzt weiß Herr Müde, dass sie mit ihm nicht über die Vorteile von Minutenschlaf im Besprechungszimmer reden wollen. Er hat verstanden. Von ihm wird erwartet, dass er sich dazu erklärt. Vielleicht offenbart er einen triftigen Grund oder er entschuldigt sich oder was auch immer. Dann können Sie sagen, was Sie davon halten. Aber wenn Sie sogar aus Tatsachen Vermutungen machen, machen Sie die Welt auch nicht besser.